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Mountainbike Workshop an einer indischen Mädchen Schule

Seit sieben Jahren lebe ich in Indien und betreibe das Mountainbiken als regelmäßiges Hobby, herausfordernden Sport und aus tiefer Leidenschaft. Während sich in der Vergangenheit im indischen Radsport einiges entwickelt hat und es inzwischen eine wachsende Mountainbikegemeinschaft gibt, ist es leider noch immer so, dass indische Mädchen kaum zu diesem Outdoorsport finden. Obwohl mittlerweile bei einigen Rennen separate Frauenkategorien etabliert wurden, haben die Teilnehmerinnen kaum nationale Konkurrenz. Woran liegt das und wie kann die Situation geändert werden? Indische Frauen und (Abenteuer-) Sport – dazwischen liegen einige Hindernisse, die es zu überbrücken gilt:

  1. Indien ist ein Schwellenland, das sich von Jahr zu Jahr immer stärker weiterentwickelt. Industrie und Handel in den indischen Großstädten boomen, die große indische Mittelschicht passt sich mehr und mehr einem westlichen Lebensstandart an: fährt große Autos, macht Urlaub und hat Hobbies. Doch wohl in kaum einem anderen Land ist die Diskrepanz zwischen Arm und Reich nach wie vor so groß wie in Indien. Und, wo es eine wachsende Mittelschicht gibt, die zum Trekkingurlaub in die Berge fährt oder Badeurlaub in Goa macht, gibt es noch immer Millionen von Indern, die vielleicht nicht zu den Ärmsten der Armen gehören, aber bei denen das tägliche Leben dem Überleben dient: Während die Männer zur Arbeit gehen und ihre Rupien verdienen, kümmern sich die Frauen und Mädchen um das Haus, die Tiere und die Kinder, nähen und waschen Kleidung, kochen und und und… da bleibt wenig Zeit, sich Gedanken um eine Freizeitbeschäftigung zu machen, geschweige denn um eine, die zusätzliche körperliche Anstrengung erfordert und bei der somit zusätzliche Kalorien verbrannt werden. Diese Mädchen, obwohl wahrscheinlich die geeignetsten für diesen körperlich anspruchsvollen Sport, fallen also schon einmal weg. Grundlegend auch bereits, da das Mountainbiken ein relativ teurer Sport ist.
  2. Dann gibt es die Mädchen der Oberschicht, die durchaus die Erlaubnis hätten, den Sport zu betreiben und es sogar als gut befunden wird. In diesen Fällen kaufen die Väter die teuersten Bikes, geben viel Geld für Kleidung und Material aus. Doch hier mangelt es an der Bereitschaft zu trainieren und dafür auch etwas zu leiden. Diese Mädchen mussten sich in ihrem ganzen Leben noch nie anstrengen. In eine reiche Familie geboren, lernt man, Anstrengung zu vermeiden, da es andere gibt, die Aufgaben übernehmen. Mit dem Fahrrad dann mehr als ein paar Kilometer zu fahren oder gar im Gelände scheint aussichtlos.
  3. Doch was ist mit all den Mädchen der Mittelschicht? Auch hier spielen vor allem soziale Hintergründe eine Rolle. So wird es von der Familie noch immer nicht gern gesehen, wenn ihre Töchter sich einem Sport widmen, bei dem kurze Kleidung getragen wird, es in abgelegene Gebiete geht, man schmutzig wird und sich gar verletzt werden kann. Nicht nur, dass es sich für ein Mädchen nicht schickt, sondern auch der Nutzen daran wird nicht erkannt. Sollten die Mädchen nicht viel besser für die Schule lernen, einem sittlicheren Hobby nachgehen oder bei der Hausarbeit helfen?
  1. Dabei sind einige Ängste durchaus begründet: Allein oder selbst zu zweit als Mädchen in Indien über einsame Wald- und Feldwege zu fahren – Das kann leider ein heikles Thema sein. Was passiert wenn es ein mechanisches Problem gibt, einen Unfall oder gar etwas viel Schlimmeres?

Doch einen Sport wie Mountainbiking bei den indischen Mädchen und Frauen zu etablieren macht Sinn. Nicht nur, weil auch Mädchen ein Recht auf die Ausübung ihrer Leidenschaften haben und dies von der Gesellschaft anerkannt werden sollte, sondern vor allem, weil es gut für Mensch und Natur ist, das Selbstbewusstsein steigert und Indien einfach mehr Gleichberechtigung und Ausgleich zwischen beiden Geschlechtern benötigt. Mädels greift zu den Bikes!

Schon damals, als ich das erste Mal nach Indien als Freiwillige in ein Elendsviertel nach Delhi kam, galt es, die indischen Mädchen auf ihren Bildungsweg zu unterstützen. Damals gaben wir Nachhilfeunterricht, Workshops und organisierten Ausflüge. Umso mehr freut es mich, dass ich nun wieder in diesem Bereich tätig sein kann und mein Hobby sogar mit einbinde.

Am vergangenen Samstag fand das erste Mountainbike-Schulprogramm in einer Mädchenschule in Shimla statt. Auch davor wurden diese Programm von meinem Sponsor Hero Cycles organisiert, doch dabei ging es mehr um eine generelle Bekanntmachung des Sports bei der Jugend und Talentfindung. Nun sollte die Aufmerksamkeit ganz den Mädchen gewidmet werden.

Als einziges weibliches Teammitglied des Hero Action Mountainbike Teams, nahm ich dabei natürlich eine zentrale Rolle ein. Ich diente als Vorbild, Motivation und schaffte Vertrauen. Ja, auch Mädchen dürfen einen Abenteuersport ausüben.

Was dann in der Schule mit über 500 teilnehmenden Schülerinnen passierte, war überwältigend! Die Mädchen waren nicht nur interessiert und hörten aufmerksam zu, nein, sie zeigten wahre Begeisterung. Sie jubelten und klatschten, wenn die Jungs ein paar Tricks zeigten, strengten sich bei einem Fahrrad-Quiz besonders an um eines der heißbegehrten T-Shirts zu gewinnen und nahmen aktiv am finalen Fahrradwettbewerb teil.

Zunächst ging es darum, beim „Langsamkeitsrennen“ so langsam wie möglich ins Ziel zu kommen. Die Gewinner aus den Runden traten dann im Slalomfahren an.

Einige Mädchen fuhren um die Zylinder schneller, als ich es hätte machen können und wir fanden richtige Talente.

Doch die Mehrzahl der Schülerinnen, hatte wohl noch nie auf einem Fahrrad gesessen.

Als Nächstes werden wir wohl ein Fahrradtraining organisieren müssen. Doch die ersten kleineren und größeren Erfolge konnten wir schon verzeichnen: Mit Hilfe des Schulleiters wird der erste Mädchen-Fahrrad-Club ins Leben gerufen und gemeinsam mit den Gewinnerinnen des Turnieres werde ich im Rahmen des Clubs regelmäßige Fahrradausfahrten organisieren. Das ist doch schon einmal etwas! Die Mädchen werden natürlich von uns beobachtet und wer weiß, vielleicht finden wir ja schon ganz bald ein zweites weibliches Hero Action-Team-Mitglied, das an indischen Mountainbike-Rennen teilnimmt.