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Berge besteigen – Warum mache ich das?

Man ist extremen Wetterbedingungen ausgesetzt: Es kann stürmen, schneien, wird neblig und die Temperaturen sinken weit unter dem Gefrierpunkt.

Man stellt sich außergewöhnlichen Strapazen: Auf über 5000 Meter trägt man stundenlang bis zu 30 Kilo schwere Lasten steilste Eis- und Schneewände hoch und erreicht dabei seine Leistungsgrenze.

 

Man nimmt große Entbehrungen auf sich: Schlafen in eisigen Nächten auf harten Matratzen, für die Toilette muss man raus in die Kälte, das Essen ist im besten Sinne gesehen vielleicht gerade noch nahrhaft. Ansonsten einseitig und ungesund.

Abendessen im Zelt

Man ist wirklichen Gefahren ausgeliefert: Trotz des Versuches Risiken durch technisches Sichern und strategischem Vorgehen zu vermeiden, sind sie stets vorhanden: Steinabbrüche, Lawinen, Fehltritte und Abrutschen…

 

Und dennoch gehört für mich jede einzelne Bergbesteigung, die ich bisher machen durfte, zu einem der schönsten Erlebnisse in meinem Leben. Selten bin ich so glücklich, ausgeglichen und zufrieden, wie während einer intensiven Bergtour.

Wie alles begann

Angefangen haben meine Abenteuer mit harmlosen Trekkingtouren durch die indische Himalaya Region. Die einfachen Treks wurden mit der Zeit immer länger, höher und anspruchsvoller. Ich suchte mir immer größere Herausforderungen. In den Bergen in der Gruppe fühle ich mich wohl. Ich mag die körperliche Anstrengung, die Unberührtheit der Natur, die Entfernung von der Zivilisation und die Einfachheit des Seins. Essen, Schlafen, Laufen. Alles andere ist auf den Touren unwichtig.

Hier zählt der Zusammenhalt der Gruppe, Teamfähigkeit und gegenseitige Unterstützung. Auf meinen unzähligen Treks durfte ich die intensivsten Bekanntschaften schließen.

Doch es blieb nicht beim einfachen Trekking.

Ich suchte mir anspruchsvollere Abenteuer. Höherere. Berggipfel sollten es sein. Nicht einfach nur Gipfel, auf die man hoch spazieren kann, sondern solche, bei denen die Besteigung sowohl technische Ausrüstung, als auch bergsteigerisches Wissen verlangt.

Schon seit meiner Kindheit konnten mich Bücher über Abenteuer in den Bergen begeistern, nun wollte ich nicht mehr nur darüber lesen, sondern selbst hoch hinauf.

Doch woher kommt dieser Ruf nach den Bergen in mir? Warum finde ich mein größtes Glück in den Risiken und Entbehrungen einer Bergbesteigung?

Die Frage nach dem „Warum“

Manche Bergsteiger (wie im Film Meru) sagen (mit einem Zwinkern in den Augen) es sei wegen des „Views“, also wegen des „Ausblicks“. Und tatsächlich gibt es kaum einen schöneren Moment für mich, wenn die ersten Sonnenstrahlen am Gipfeltag den Schnee zum Glitzern bringen und man auf das weite Panorama der Berge blicken kann.

Doch ist es wirklich nur die Aussicht, die man genießt? Für mich sicherlich nur ein Teil des großen Gesamtpaketes.

Erst vor einer Woche habe ich auf Youtube ein Interview mit dem, vor kurzem bei einer Expedition am Everest verstorbenen, Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck gesehen. Das Interview wurde in Schweizerdeutsch geführt und dementsprechend viel konnte ich verstehen. Doch auf die  Frage des Interviewers Schawinski nach dem „Warum“, antworte Ueli Steck damit, dass es uns einfach zu gut gehen würde. Früher wäre der Mensch über ein warmes Bett glücklich gewesen. Heute brauche er neue Herausforderungen und suche das Abenteuer um sich so zu spüren.

Geht es uns in der heutigen Welt zu gut? Vielleicht. Doch viele „normale Menschen“ sind immer noch ganz zufrieden mit einem warmen Bett und müssen keine Berge besteigen oder Abenteuer begehen, damit sie glücklich sind.

Aber es gibt diese handvoll Menschen, die es immer weiter, höher und extremer treibt. Dabei meine ich nicht unbedingt nur im Bergsport. Nein, alle Sportarten, Künste und Hobbies können extrem betrieben werden – für jeden Einzelnen liegt das Extreme dabei auf einem anderen Level.

Für meinen Bergsteigerfreund Tobi, mit dem ich vor einer Woche den Hanuman Tibba bestiegen bin, ist das Bergsteigen eine Sinnerfüllung des Lebens. Sowie andere ihren Lebenssinn in ihrem Beruf, in der Gründung einer Familie oder in einem Hobby finden, findet er es in den Bergen.

Ich finde die Begründung im Yoga und Buddhismus. Hier sagt man, dass man eins mit sich selbst wird und sich von allem Leid befreien kann, wenn man im Moment lebt. Im Yoga und Buddhismus übt man durch Körperhaltungen, Atemübungen und Meditation, sich auf den Atem zu konzentrieren um ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Bergsteigen ist pure Konzentration. Wenn ich eine mehrere hundert Meter hohe Schneewand über Stunden hoch klettere bin ich 100% da. Ich höre meinen Atem, fokussiere mich auf meinen nächsten Schritt, spüre mein pochendes Herz und denke an nichts anderes als mein derzeitiges Tun. Bergsteigen ist Meditation. Meditation schafft Befreiung von Leid, schafft Zufriedenheit.

Außerdem ist es sicherlich eine Kombination aus Vielem, dass mir beim Bergsteigen so gut tut: Natur, Gemeinschaft, sportliche Belastung, die tolle Aussicht, die Rückbesinnung auf das Wesentliche und, ganz wissenschaftlich gesehen, die extreme Ausschüttung von Adrenalin und Endorphinen.

Besteigung des Hanuman Tibbas

Unsere letzte Besteigung des 5932 Meter hohen Hanuman Tibba ist noch nicht lange her.

Ich erinnere mich, wie ich an den letzten Tagen der Expedition im Zelt eingemummelt in meinem Schlafsack lag und mich nach der Zivilisation sehnte. Meine Knochen und Muskeln schmerzten von der körperlichen Anstrengung der letzten Tage und von meiner harten Unterlage. Ich wusste kaum, wie ich schmerzfrei liegen konnte. Ich hatte leichte Magendarmprobleme und ekelte mich vor den Instanttütensuppen und Fertignudelgerichten. Mein Kopf schmerzte vor Überanstrengung. Ich hatte viel an Gewicht verloren und wusste gleichzeitig, dass der bevorstehende Abstieg viel Kraft und Konzentration erfordern würde. Es war kalt.

Ich wünschte mir sehnlichst eine warme Dusche, ein Stück Pizza und mein weiches Bett.

Schon zwei Tage nach der Rückkehr, geduscht und gesättigt, in sauberer Kleidung und mit entfilzten Haaren, war ich von dem gesellschaftlichen Überfluss doch schon wieder übersättigt.

Die wunderbaren Erinnerungen der Expedition ließen mich träumen. Ich träumte von unvorstellbarer Stille, glitzerndem Schnee, einem unbeschreiblich blauen Himmel, dem unendlichen Himalaya Panorama. Ich träumte von Pausen auf Felsbrocken mit Schokoriegeln, gemeinsamen Lachanfällen am Nachmittag im Zelt und dem schönsten Sternenhimmel, den ich je in meinem Leben gesehen hatte.

In so einer tollen Umgebung spielt das Essen eh nur eine Nebenrolle 🙂

 

Auf der letzten Hanuman Tibba Expedition durfte ich nicht nur viel lernen und über meine mentalen und physischen Grenzen gehen, sondern hatte auch tolle neue Freunde gefunden.

Johanna und Tobi aus Deutschland haben sich eine sechsmonatige Pause von ihrem Alltag gegönnt und trekken nun quer durch den indischen Himalaya.

Die beiden kamen zu uns ins Büro um mit professioneller Unterstützung eines Bergführers im alpinen Stil den Hanuman Tibba zu besteigen.

Auf ihrem Blog „Reis ohne Alles“, könnt ihr nicht nur über ihre Trekkingabenteuer der letzten Monate in Indien lesen, sondern auch einen detaillierten, sehr empfehlenswerten Bericht, über unsere Hanuman Tibba Expedition erhalten. Viel Spaß beim Lesen.

Alle Fotos sind während der Hanuman Tibba Expedition im Juni 2017 entstanden. Danke für die schönen Aufnahmen an Johanna, Tobi und Jogi.