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Skyrunning im indischen Himalaya

Ein „Höllen Rennen“, dieses Mal auf den Beinen

Leser, die sich nicht für meine persönliche Vorgeschichte interessieren, sondern direkt über den Skyrun lesen wollen, können einfach den bunt eingefärbten Texte überspringen :). Ich habe dieses Mal wohl ein bisschen sehr weit ausgeholt…

Ich und das Laufen

Wer mich kennt, der weiß, dass ich als junger Teenager relativ viel gelaufen bin. Drei bis vier Laufeinheiten in der Woche zwischen je 5 bis 15 km waren nichts Ungewöhnliches für mich. An kleineren Rennen nahm ich aus Spaß teil. Ich mochte schon immer die besondere Atmosphäre bei einem organisierten Lauf, bei dem man mit Gleichgesinnten spannende Strecken bewältigt, gute Stimmung herrscht und dann tatsächlich auch der Ehrgeiz hervorkommt und man sein bestes gibt. Den einen oder anderen Volkslauf konnte ich tatsächlich auch mit einer Platzierung auf den Treppchen abschließen.

Nur ein einziges Mal hatte ich (unvorbereitet) an einem Halbmarathon teilgenommen und während ich mich über dessen letzte fünf Kilometer quälte, wurden mir zwei Dinge klar:

  1. Für Strecken, die länger als 20 km ist, sollte man lieber trainiert haben.
  2. Auch sollte man während eines Laufes der länger als 15 km ist, wohl doch auch etwas Flüssigkeit zu sich nehmen und am besten nicht nur Wasser.

Wie der Leser hier also erfahren kann, bin ich nie wirklich professionell gelaufen, sondern eher aus Spaß an der Freude und vor allem um mich Fit zuhalten. Dabei halte ich alles um die 10 km herum für ein sehr gutes Maß. 10 km kann ich mit meiner Grundfitness immer laufen, sie sind mental und körperlich aushaltbar und mit einem einstündigen Lauf habe ich mein Sportpensum für den Tag erfüllt. Alles was über die 15 Kilometer hinaus geht, hat für mich auf Alltagsbasis einfach keinen Sinn.

Nun ja, soviel zu meiner Laufkarriere die ziemlich schnell aufhörte, als ich vor sechs Jahren in den indischen Himalaya zog. Als ich noch in Delhi lebte, bin ich durchaus regelmäßig im Park joggen gegangen, obwohl das Rundenlaufen in einem Park auch nicht das höchste der Gefühle ist.

Aber in den Bergen auf über 2000 Meter Höhe, wo alle Strecken entweder hinauf oder hinab gehen, war für mich ans Laufen gar nicht erst zu denken. Stattdessen fing ich mit Mountainbiken an und wanderte viel. Allein durch meine Arbeit bin ich fast die ganze Sommersaison sportlich unterwegs, sei es auf Fahrradtouren, mehrtägigen Treks oder während einer intensiven Bergbesteigung.

Das Laufen vermisse ich kaum und finde es im Vergleich zu meinen jetzigen Aktivitäten eher langweilig und stupide. Ab und zu, wenn ich nach Deutschland zurückkehre, schnüre ich noch immer meine Laufschuhe, um während des deutschen Winters wenigstens zu laufen.

Anmeldung zum Rennen

So, nun mag sich ein mancher Leser fragen, warum ich so viel über mich schreibe, wo es doch eigentlich in diesem Artikel über ein Skyrunnung Event in Indien gehen sollte.

Nun, dazu komme ich jetzt:

Genau eine Woche vor dem Skyrunning Event, das am letzten Wochenende stattfand,  kontaktierte mich der befreundete Skyrunning- Veranstalter und fragte mich, warum ich denn gerade in Manali faul auf der Haut liege, obwohl ich doch eigentlich bei einem stattfindenden Mountainbike Rennen dabei sein sollte?! Ich murmelte ein paar Ausreden vor mich hin. Dem Veranstalter waren meine Gründe für die Nichtteilnahme eigentlich ziemlich egal und er freute sich sogar darüber, dass ich nun ja Vorort  und frei sein würde. so könne ich schließlich an seinem Skyrunning- Event teilnehmen, dass nur 15 km von Manali entfernt stattfinden würde.

Ich überlegte kurz und erinnerte mich wieder an dieses Event, von dem er schon vor einem halben Jahr gesprochen hatte. Damals kam es für mich nicht in Frage, da ich erstens  das Mountainbike-Rennen auf meiner Liste hatte und zweitens eine Distanz von über 30 km und über 2000 Höhenmeter nicht einfach so aus dem Stehgreif laufen konnte, dass hatte ich ja schließlich schon damals bei dem Halbmarathon gelernt.

Das Training sieben Tage vor dem Lauf zu starten, machte nun wirklich keinen Sinn. Ich versuchte mich an meinen letzten Lauf zu erinnern und kam zu dem Schluss, dass der gute drei Monate zurück lag!

Doch da der Veranstalter ein guter Freund ist, er mich sogar zum Rennen mit allem Drum und Dran einlud und ich momentan eh ganz schön faul war, sodass mir ein bisschen Bewegung und frische Luft in meinen Bergen ganz gut tun würde, sagte ich spontan zu. Der Veranstalter war glücklich und fragte mich nur noch ob ich in der 30 km oder 60 km Kategorie starten würde! Hallo!!! Ich wäre glücklich, wenn ich die 30 km innerhalb des Zeitlimits von 6 Stunden überleben würde.

Skyrunning

Doch was ist ein Skyrun eigentlich?

Ich, in meiner zwar großen, doch auch irgendwie beschränkten indischen Welt lebend, wusste es nicht.

Also suchte ich erst einmal auf der Seite der Internationalen Skyrunning Föderation nach Informationen.

Hier erfuhr ich, dass ein Skrun ein Berglauf auf über 2000 Meter Höhe ist, bei dem der Anstieg über 30% liegt und der technische Klettergrad unter II°. Wanderstöcke, Steigeisen und Hände dürften benutzt werden. Außerdem gab es verschiedene Rennkategorien.

Meine Kategorie würde wohl unter einen „ Skymarathon“ fallen, da ich über 30 km und 2000 Höhenmeter zurücklegen würde. Ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht für mich war. Jedenfalls hatte ich nun ein mulmiges Gefühl bei der Sache und war mir über die Durchführbarkeit der Sache ohne Lauftraining nicht mehr so sicher. Meine klaren Vorteile waren, dass ich a) die Strecke aufgrund meiner Treks ganz gut kannte, b) An die Höhe angepasst war (das Rennen startete auf über 2500 Meter und mir taten die Teilnehmer aus der Stadt schon jetzt Leid) und c), dass ich wandern konnte. Scheinbar kann man ab einer bestimmten Steilheit eh nur noch „ Speedhiking“ machen, also schnelles Wandern und ich wusste von mir, dass ich das zumindest ganz gut konnte.

Tag vor dem Rennen

Nun ja, als ich die 14 km mit dem Fahrrad hoch zum Startort des Events am vorherigen Abend fuhr und schon die ein oder andere Strecken Markierung sah, war ich mir noch immer noch im Zweifel, ob ich nicht einfach nur „Hallo“ sagen würde, um dann wieder zurück in meine Komfortzone nach Manali  zu rollen. Denn schließlich war es gerade schon auf meinem Fahrrad anstrengend genug. Es war eh nicht die beste Idee, mein Beine schon am Abend vorher mit Fahrradfahren zu beanspruchen, doch irgendwie musste ich ja zum Startort in das Solang Tal gelangen.

Als ich dann die Location erreichte, wurde ich gleich von der tollen Atmosphäre ergriffen, die es wohl immer gibt, wenn Sportler zusammenkommen, die eine gemeinsame Leidenschaft teilen. Ich war überrascht, dass es über 100 Teilnehmer gab, allein 85 Teilnehmer für die 30 km. Der restliche Teil  gehörte zu den Verrückten, die die 60 km in Angriff nehmen würden.

Auch acht Frauen würden für die 30 km an den Start gehen, keine schlechte Zahl für ein derart hartes Rennen in Indien.

Als ich die Route und Streckenprofil analysierte, war ich sofort von dem Rundkurs begeistert. Ich kannte fast alle Teilabschnitte, wenngleich ich die gesamte Route vorher noch nie an einem Stück und schon gar nicht an einem Tag gemeistert hatte. Ein Teil der Strecke ist eine beliebte Wanderung, die ich selbst in diesem Jahr schon zweimal gegangen bin. Sie garantiert einem herrliche Ausblicke auf die höchsten Berge der Region, darunter auf den Hanuman Tibba und den Sieben Schwestern.

Schnell überschlug ich die Zeit, die ich wohl für die gesamte Strecke benötigen würde. Vorausgesetzt ich wäre in der Lage die ersten 15 km (die zwar bergan gehen, aber nicht sehr steil sind) durchzulaufen und wenn auch sonst alles glatt gehen würde, könnte ich in optimistischen fünf Stunden durch sein. Hört sich erst einmal nach sehr viel Zeit an (ist es auch!), aber schließlich ging es hier teilweise steil bergauf und die Pfade würden auch technisch Anspruchsvoll sein.

Die nächste Schwierigkeit bot mir der nächste Morgen: das Rennen startet 6.15, sodass ich schon 4:20 aufstehen musste. Fasst fünf Stunden vor meinem normalen Tages- Rhythmus in diesen zurzeit sehr ruhigen Tagen, an denen ich nicht vor 9 Uhr aufstand!

Tatsächlich schlief ich in der Nacht auch noch ziemlich schlecht, sodass ich bestimmt nicht auf über drei Stunden Schlaf kam. Naja, ich hatte ja in den letzten Tagen genug Schlaf zusammen bekommen. Außerdem war ich in der Lage, um 5 Uhr in der Früh sogar zu Frühstücken und stand dann um 6:15 bereit an der Startlinie, ohne wirklich zu wissen, was nun in den nächsten Stunden passieren würde.

Der Skymarathon im indischen Himalaya

Nun, das Rennen (und ich) lief erstaunlich gut und eigentlich genau nach Plan. Die ersten Kilometer die teilweise bergauf über steinigen Pfad, bergab über rutschige Wiese und dann wieder leicht bergauf auf einer ruhigen Straße führten, konnte ich tatsächlich in einem leichten Joggingschritt durchlaufen. Meine Brust war frei, ich hatte genügend Luft, meine Beine fühlten sich leicht und gut an.

Ich versuchte die ersten 15 km einfach locker und langsam durchzulaufen, stoppte an den Verpflegungsstationen zum Trinken und lief weiter. Die Frauen waren weit hinter mir und die Männer um mich herum liefen immer mal wieder, überholten mich, wechselten dann in einen schnellen Gang und ich überholte sie wieder. So hatte ich immer bekannte Gesichter um mich herum.

Als sich die 15 km Marke näherte und damit der Anfang  der Trekkingroute, die deutlich steiler werden würde, fingen meine Beine an schwer zu werden und ich freute mich schon, dass ich endlich in einen schnellen Gang wechseln könnte und dann nicht mehr laufen musste. Tatsächlich überholte ich bei dem steilen Wanderabschnitt bis zum höchsten Punkt so manch anderen Läufer. Wandern, auch steil bergauf, dass konnte ich, zumal ich die gleiche Strecke ja sonst mit schweren Lasten von bis zu 25 kg meisterte. Nun hatte ich kein Gepäck und konnte so zügig schnell bergauf gelangen. Lediglich vor den vielen kleineren und größeren Flussüberquerungen hatte ich etwas Bammel. Doch der stellte sich schnell als unbegründet heraus, war der Wasserstand nun im Herbst sehr niedrig, sodass ich mühelos von Stein zu Stein springen konnte.

Kurz vor dem Höchsten Punkt, genannt Bakkartach, bekam ich nicht nur etwas Hunger, sondern die ein oder anderen Krämpfe kündigten sich in meinen Waden an. Misst! Scheinbar hatte ich etwas falsch gemacht, obwohl ich die ganze Zeit viel Elektrolyte, Wasser und Cola an den Verpflegungsstationen zu mir genommen hatte. Sollten die Krämpfe nicht nur kurz kommen, sondern auch bleiben, würde ich ein echtes Problem haben. An der nächsten Verpflegungsstation quälte ich mir zwei Kartoffeln rein. Ich brauchte etwas zu essen, bei dem Gedanken allein daran wurde mir zwar etwas schlecht, aber Kartoffeln waren das Einzige, was gerade so ging.

Die Route führte nun etwas bergab und ich konnte wieder anfangen zu laufen. Dann kamen steinige Kletterpassagen, bei denen tatsächlich auch meine Hände zum Einsatz kamen. Noch heute, zwei Tage nach dem Rennen, habe ich nicht nur Muskelkater in den Beinen, sondern spüre auch meine Arme von dieser Kletteraktion!

Neben den Markierungen der Strecke, hatten die Veranstalter in regelmäßigen Abständen auch immer wieder einen Motivationsspruch aufgeschrieben.  Der eine lautete: „ Laufe, Gehe oder krieche, aber halte niemals an“. Dieser Satz wurde zu meinem inneren Mantra und ich hielt mich mit eisernem Willen daran.

Gut dass es mittlerweile auf einen ziemlichen schönen Pfad über die Weiden stetig bergab ging. Meine armen Beine, die diese körperliche Belastung auf Dauer nicht gewohnt waren, schmerzten und ich schmiss sie einfach nur noch beim Bergab nach vorne. Ich war weder besonders schnell, noch besonders langsam. Zum einen konnte ich nicht schneller, zum anderen wollte ich auch nicht stürzen, was fatale Folgen gehabt hätte. Noch immer lag ich gut im Zeitplan. Ich war sogar etwas schneller, als ursprünglich kalkuliert hatte. Der ein oder andere Läufer überholte mich nun, doch das war mir egal. Selbst der kleinste Anstieg veranlasste mich dazu, wieder zu gehen, da ich sonst sofort einen Krampf bekommen würde. Als ich für ein kurzes Stück wieder auf die Straße kam (die ja nun bergab ging), konnte ich mein Tempo erhöhen und ging gleichzeitig gedanklich durch meinen Körper: Mein Füße schmerzten, Waden und Oberschenkel drohten jeden Moment zu verkrampfen, die Leisten taten weh und irgend ein Schmerz war da auch im unteren Rücken. Mein Oberkörper war ok und wurde lediglich etwas steif. Es war gerade mal 10 Uhr und ich war schon fast 4 Stunden unterwegs und bald am Ziel. Normalerweise würde um diese Zeit der Tag erst für mich beginnen! Vielleicht könnte ich das Rennen sogar unter 4:30 Stunden meistern?

Nein, konnte ich nicht. Denn schon bald verließ die Strecke die Straße und es ging steil auf einen Trail bergab und dann weiter immer wieder über kleine Bäche, bergauf, bergan. Da konnte ich das Tempo einfach nicht mehr halten.. Die letzten 500 Meter wurden angekündigt und ich zählte imaginäre 100 Meter und dann wieder 100 Meter. Dann waren es nur noch 300 Meter, 200 Meter und ja… geschafft! In das Ziel sprinten konnte ich nicht mehr akute Krampfgefahr), aber immerhin kippte ich nicht gleich um, sondern fühlte mich eigentlich ziemlich gut.

Weiterlaufen hätte ich aber beim besten Willen nicht mehr gewollt und so bemitleidete ich die 60 Kilomter Läufer, die die gleiche Strecke nun noch einmal machen mussten! Was für eine körperliche und mentale Leistung!

Die Ergebnisse des Skyruning Events

Von den 85 Teilnehmern über die 30 km, konnten nur 34 das Ziel innerhalb der vorgegebenen Zeit erreichen. Ich war die einzige Frau.

Bei den 18 Teilnehmern über die 60 km Distanz konnten 6 Läufer das Rennen innerhalb von 12 Stunden bewältigen:

30 km – Männer 
1st – Deepesh Chettri – 03:11:50
2nd – Kieren Dsouza – 03:20:54
3rd – Govind – 03:21:47

30 km- Frauen 
1st – Sarah Appelt – 04:39:47

60 Km 
1st – Ct. Sachin – 09:10:32
2nd – Gaurav Devaiah – 09:10:55
3rd – Hari Om – 10:11:26

Nach dem Skyrun

Es war erst 11 Uhr in der Früh und den Tag ließ ich ganz entspannt mit den anderen Rennteilnehmern ausklingen. So entspannt wie es eben mit zwei schmerzenden Beinen ging  :).

Ich war schon ganz schön fertig, doch die gute Stimmung, leckeres Essen und eine heiße Dusche machten einiges besser, zumal die Kulisse des Veranstaltungsortes mitten in den Bergen, einfach einmalig war.

Das Rennen wurde von den Organisatoren der Hellrace-Serie organisiert. Die Hellrace-Rennen sind eine Sammlung von Ausdauerrennen in der indischen Himalaya Rennen und beinhalten, Mountainbike Rennen, mehrtägige Extremläufe, Skyrunning , sowie Halb- und Marathons.